Kommandeur Elmar
Henschen begrüßte den Grünen-Politiker Winfried Nachtwei
im Burgwald-Kasino.
Foto: Malte Glotz
Was machen deutsche
Soldaten fern der Heimat und warum machen sie das? Was sind die
Interessen Deutschlands in Zentralasien und was passiert nach dem
Abzug 2014? Winfried Nachtwei versuchte, diese Fragen zu
beantworten.
Von Malte Glotz
Frankenberg. Mit
Winfried Nachtwei hatte die Gesellschaft für Wehr und
Sicherheitspolitik einen echten Afghanistan-Experten in das Kasino
der Burgwald-Kaserne geladen. Der Grünen-Politiker, der von 1994 bis
2009 im Bundestag saß, war lange Zeit Mitglied des
Verteidigungsausschusses und des Arbeitskreises „Internationale
Politik und Menschenrechte“. Insgesamt 16-mal besuchte er das
zentralasiatische Land seit Beginn des deutschen Einsatzes, erlebte
„eine Phase des Aufschwungs bis 2007“, wie er sagte, und den darauf
folgenden Weg in Scharmützel, Gefechte, Terrorangriffe und
schließlich die Katastrophe bei Aliabad – den bekannten „Luftangriff
von Kunduz“, bei dem mehr als 140 Menschen starben.
Nachtweis Vortrag stand
unter dem Thema „Deutschlands Interessen in Afghanistan“, doch der
Politiker machte schnell klar, dass es diese eigentlich nicht gebe:
„Das einzige Interesse zu Beginn des Krieges war die
Bündnissolidarität“, erklärte er. Es wäre den USA kaum zu vermitteln
gewesen, nach den Anschlägen vom 11. September 2001 nicht mit ihnen
in den Krieg zu ziehen. Hinzugekommen sei die Sorge um den
internationalen Terrorismus.
Nachtwei zeichnete im
Folgenden den deutschen Einsatz nach und wies auf Fehler in der
Einsatzstruktur hin, die seinen Erläuterungen zufolge weniger beim
Militär als bei der Politik liegen. Die militärisch-zivilen
Wiederaufbauteams seien einseitig aus Mitgliedern der Bundeswehr und
das Entwicklungshilfeministeriums zusammengesetzt. Die eigentlich
gleichwertig einbezogenen Ministerien für Inneres und Äußeres hätten
einen kaum messbaren Anteil. Weitere Kritik gab es von dem
Grünen-Politiker an der Polizeiausbildung, insbesondere aber an
deren Koordination im ganzen Land. Sie sei unzureichend – und
ausgerechnet Deutschland sei für die internationale Koordination
zuständig gewesen.
Winfried Nachtwei zeichnete
ein Bild von einem Land, das nach den ersten Angriffen der
westlichen Koalition von Taliban weitgehend befreit und sicher war,
in das aber nach und nach feindlich gesinnte Kämpfer wieder
einsickerten, besonders aus Pakistan.
Die frühe Hoffnung, dass ein
sicheres, ein „strahlendes Kabul“ im ganzen Land für
Aufbruchstimmung sorge, sei schnell dahin gewesen. Mit der
Ausbreitung der ISAF-Truppen in das ganze Land hätten viele Probleme
begonnen. Die friedliche Phase – Nachtwei zeigte Bilder von
deutschen Soldaten ohne Helm, umringt von lachenden Kindern mitten
auf einem Markt in Kunduz – sei spätestens 2007 vorbei gewesen. Bei
einem Anschlag in der als sicher geltenden Stadt starben deutsche
Soldaten. Die Bundeswehr begann sich einzuigeln, der Kontakt zur
Bevölkerung nahm ab und die habe die Soldaten folglich anders,
negativer wahrgenommen.
Seit dem Angriff auf die
Tanklaster nahe Kunduz im Jahr 2009 allerdings habe sich wiederum
einiges geändert. Die Strategie der „Counterinsurgency“, die die
Amerikaner aus dem Irak mitbrachten, mache sich bezahlt, sagte
Nachtwei. Sie beinhaltet eine Fokussierung auf die Bevölkerung und
ihre Belange und zugleich ein hartes Vorgehen gegen Aufständische
und feindliche Kämpfer.
Die Lage im Land verbessere
sich, es gebe mehr Schüler und besonders wichtig: mehr Schülerinnen.
Die Alphabetisierung steige, die Landwirtschaft komme voran, China
investiere in den Rohstoffabbau, die Zahl der Anschläge sinke.
Besonders er-folgreich beim Aufbau und im Befrieden seien im Übrigen
die Niederländer gewesen, merkte Nachtwei an.
Dass sich nicht nur die
Bundeswehr, sondern auch die Amerikaner und die anderen Nationen
2014 aus dem Land zurückziehen möchten, sah er zumindest kritisch.
Er bewertete das Risiko als hoch, dass nach dem Abzug die Taliban
den Süden und Osten des Landes sofort übernehmen und im Westen und
Norden – dem Gebiet, das derzeit Großbritannien und Deutschland
untersteht – ein Bürgerkrieg ausbricht. Das würde eine
Destabilisierung der ganzen Region nach sich ziehen, die Atommacht
Pakistan mittendrin, erläuterte der Afghanistan-Experte.
Kommandeur Elmar Henschen
fasste Nachtweis Vortrag am Schluss nüchtern analysierend zusammen:
„Wir haben die Initiative nicht genutzt, dann verloren und sie uns
unter Verlusten mühsam zurückerkämpft. Und jetzt, wo wir sie wieder
haben, wollen wir raus.“