vom 16.02.2012

Afghanistan als Land der verpassten Chancen

Grünen-Politiker Winfried Nachtwei spricht in der Burgwald-Kaserne über den Einsatz am Hindukusch und übt Kritik

Kommandeur Elmar Henschen begrüßte den Grünen-Politiker Winfried Nachtwei

im Burgwald-Kasino. Foto: Malte Glotz

Was machen deutsche Soldaten fern der Heimat und warum machen sie das? Was sind die Interessen Deutschlands in Zentralasien und was passiert nach dem Abzug 2014? Winfried Nachtwei versuchte, diese Fragen zu beantworten.

Von Malte Glotz

Frankenberg. Mit Winfried Nachtwei hatte die Gesellschaft für Wehr und Sicherheitspolitik einen echten Afghanistan-Experten in das Kasino der Burgwald-Kaserne geladen. Der Grünen-Politiker, der von 1994 bis 2009 im Bundestag saß, war lange Zeit Mitglied des Verteidigungsausschusses und des Arbeitskreises „Internationale Politik und Menschenrechte“. Insgesamt 16-mal besuchte er das zentralasiatische Land seit Beginn des deutschen Einsatzes, erlebte „eine Phase des Aufschwungs bis 2007“, wie er sagte, und den darauf folgenden Weg in Scharmützel, Gefechte, Terrorangriffe und schließlich die Katastrophe bei Aliabad – den bekannten „Luftangriff von Kunduz“, bei dem mehr als 140 Menschen starben.

Nachtweis Vortrag stand unter dem Thema „Deutschlands Interessen in Afghanistan“, doch der Politiker machte schnell klar, dass es diese eigentlich nicht gebe: „Das einzige Interesse zu Beginn des Krieges war die Bündnissolidarität“, erklärte er. Es wäre den USA kaum zu vermitteln gewesen, nach den Anschlägen vom 11. September 2001 nicht mit ihnen in den Krieg zu ziehen. Hinzugekommen sei die Sorge um den internationalen Terrorismus.

Nachtwei zeichnete im Folgenden den deutschen Einsatz nach und wies auf Fehler in der Einsatzstruktur hin, die seinen Erläuterungen zufolge weniger beim Militär als bei der Politik liegen. Die militärisch-zivilen Wiederaufbauteams seien einseitig aus Mitgliedern der Bundeswehr und das Entwicklungshilfeministeriums zusammengesetzt. Die eigentlich gleichwertig einbezogenen Ministerien für Inneres und Äußeres hätten einen kaum messbaren Anteil. Weitere Kritik gab es von dem Grünen-Politiker an der Polizeiausbildung, insbesondere aber an deren Koordination im ganzen Land. Sie sei unzureichend – und ausgerechnet Deutschland sei für die internationale Koordination zuständig gewesen.

Winfried Nachtwei zeichnete ein Bild von einem Land, das nach den ersten Angriffen der westlichen Koalition von Taliban weitgehend befreit und sicher war, in das aber nach und nach feindlich gesinnte Kämpfer wieder einsickerten, besonders aus Pakistan.

Die frühe Hoffnung, dass ein sicheres, ein „strahlendes Kabul“ im ganzen Land für Aufbruchstimmung sorge, sei schnell dahin gewesen. Mit der Ausbreitung der ISAF-Truppen in das ganze Land hätten viele Probleme begonnen. Die friedliche Phase – Nachtwei zeigte Bilder von deutschen Soldaten ohne Helm, umringt von lachenden Kindern mitten auf einem Markt in Kunduz – sei spätestens 2007 vorbei gewesen. Bei einem Anschlag in der als sicher geltenden Stadt starben deutsche Soldaten. Die Bundeswehr begann sich einzuigeln, der Kontakt zur Bevölkerung nahm ab und die habe die Soldaten folglich anders, negativer wahrgenommen.

Seit dem Angriff auf die Tanklaster nahe Kunduz im Jahr 2009 allerdings habe sich wiederum einiges geändert. Die Strategie der „Counterinsurgency“, die die Amerikaner aus dem Irak mitbrachten, mache sich bezahlt, sagte Nachtwei. Sie beinhaltet eine Fokussierung auf die Bevölkerung und ihre Belange und zugleich ein hartes Vorgehen gegen Aufständische und feindliche Kämpfer.

Die Lage im Land verbessere sich, es gebe mehr Schüler und besonders wichtig: mehr Schülerinnen. Die Alphabetisierung steige, die Landwirtschaft komme voran, China investiere in den Rohstoffabbau, die Zahl der Anschläge sinke. Besonders er-folgreich beim Aufbau und im Befrieden seien im Übrigen die Niederländer gewesen, merkte Nachtwei an.

Dass sich nicht nur die Bundeswehr, sondern auch die Amerikaner und die anderen Nationen 2014 aus dem Land zurückziehen möchten, sah er zumindest kritisch. Er bewertete das Risiko als hoch, dass nach dem Abzug die Taliban den Süden und Osten des Landes sofort übernehmen und im Westen und Norden – dem Gebiet, das derzeit Großbritannien und Deutschland untersteht – ein Bürgerkrieg ausbricht. Das würde eine Destabilisierung der ganzen Region nach sich ziehen, die Atommacht Pakistan mittendrin, erläuterte der Afghanistan-Experte.

Kommandeur Elmar Henschen fasste Nachtweis Vortrag am Schluss nüchtern analysierend zusammen: „Wir haben die Initiative nicht genutzt, dann verloren und sie uns unter Verlusten mühsam zurückerkämpft. Und jetzt, wo wir sie wieder haben, wollen wir raus.“

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