Nr. 02/2012

Für Frieden, Freiheit und Sicherheit
60 Jahre Gesellschaft für Wehr- und Sicherheitspolitik e.V.

 „Der Verein führt den Namen ‚Gesellschaft für Wehrkunde’ mit dem Zusatz ‚e.V.’ und hat seinen Sitz am Ort der Geschäftsstelle (zur Zeit München).“, so lautet der erste Satz im §1 des Entwurfs zur ersten Satzung der GfW aus der Feder des Gründungsmitglieds und späteren ersten Geschäftsführers, Professor Dr. Wilhelm Classen. So wurde Name und Sitz des Vereins schließlich auch im Vereinsregister beim Amtsgericht München eingetragen. Nach 1952 geltendem Besatzungsrecht hat die Gründung jedoch zunächst nur inoffiziellen Charakter. Sie bedarf der Erlaubnis und Zustimmung durch die alliierte Behörde der Stadt München, wo sich bis 1954 in der Lamontstraße 21 die Geschäftsstelle und somit der Sitz der Gesellschaft  befindet.

Die Genehmigung zur Gründung wird vom US Land Commissioner, Dr. Oron Hale, erteilt, hatte es die außenpolitische Entwicklung seit dem Korea-Krieg (1950) doch mit sich gebracht, dass bei den westlichen Alliierten im Gründungsjahr der GfW bereits ganz offiziell von der Eingliederung der Bundesrepublik in die westliche Sicherheitsgemeinschaft gesprochen wird. Da passt eine Bürgerinitiative, die ihre konstruktive Mitarbeit anbietet, die Vereidigungsbereitschaft der Bevölkerung, die hoffnungsvolle Europa-Idee und den Gedanken an ein „Atlantisches Bündnis“ zu fördern, sehr gut in die politische Landschaft. Genau auf diese Themen der äußeren Sicherheit ist die Arbeit der GfW in den Gründerjahren im Wesentlichen gerichtet.

Die ersten Wehrgesetze

Das Freiwilligengesetz und das Gesetz über den Personalgutachterausschuss werden am 15./16. Juli 1955 vom Bundestag verabschiedet. Das Freiwilligengesetz ermächtigt die Bundesregierung 6.000 Freiwillige für den Aufbau von Schulen und Lehrverbänden einzustellen. Der Personalgutachterausschuss hat die Aufgabe, Bewerber vom Dienstgrad Oberst an für eine Einstellung in die Streitkräfte zu prüfen.

Das „Amt Blank“ wird aus dem Bundeskanzleramt ausgegliedert und das Bundesministerium für Verteidigung aufgestellt. Theodor Blank wird erster Verteidigungsminister. Bis zum 1. August 1955 sind über 150.000 Bewerbungen für die neuen Streitkräfte eingegangen. Ende Juli werden die ersten ehemaligen Offiziere in Zivil in das NATO-Hauptquartier SHAPE, damals noch in Fontainebleau bei Paris und zur Ausbildung an Düsenflugzeugen in die USA und nach Großbritannien entsandt. Im September werden Aufstellungs- und Zeitpläne bekannt gegeben. Bis zum 1. Januar 1959 sollen zwölf Heeresdivisionen der NATO unterstellt werden. Dass dies nicht zu verwirklichen ist stellt sich schnell heraus. Am 10. Oktober unterschreibt Bundespräsident Heuss die ersten Ernennungsurkunden.

Geburtsstunde in einer Fahrzeughalle

Die Aushändigung an 101 Freiwillige, 2 Generalleutnante, 48 Stabsoffiziere, 40 Hauptleute, 5 Oberleutnante, 6 Unteroffiziere, der neuen Streitkräfte erfolgt am 12. November 1955 in der Ermekeil-Kaserne in Bonn. Dieser Tag ist bewusst gewählt, es ist der 200. Geburtstag des preußischen Heeresreformers Gerhard David von Scharnhorst. Die Übergabezeremonie findet in der ehemaligen Kraftfahrzeughalle statt. Das einzige Symbol an der Wand ist das Eiserne Kreuz. Es sprechen nur Theodor Blank und Adolf Heusinger, der zusammen mit Hans Speidel die Ernennungsurkunde zum Generalleutnant erhält. Fünf der angetretenen Teilnehmer tragen Uniform und Schirmmütze. Die beiden Generalleutnante haben keine Kopfbedeckung auf. Die nachträgliche Erklärung liefert den Grund. Heusingers Mütze wurde zu groß geliefert, sie wäre ihm über die Ohren gerutscht, eine passende konnte nicht mehr beschafft werden und so sieht man auf allen Fotos beide mit ihren Mützen in der Hand.

Andernach am Rhein

Am 2. Januar 1956 rücken die ersten 1.000 Freiwilligen des Heeres nach Andernach, die der Luftwaffe nach Nörvenich/Rheinland und die der Marine nach Wilhelmshaven ein. Viele von ihnen haben keine Vordienstzeiten. Die Rekruten, es sind Akademiker, Studenten, Abiturienten, Meister, Gesellen, Lehrlinge wollen Offizier oder Unteroffizier werden. Ihre Ausbilder sind ehemalige Offiziere und Unteroffiziere der Wehrmacht, darunter auch Mitglieder der Gesellschaft für Wehrkunde. Waffen und Gerät sind amerikanischen Ursprungs, das der Bundesrepublik über ein Ausrüstungsabkommen zur Verfügung gestellt worden war. Amerikanische Ausbildungsteams unterrichten die Ausbilder und die Freiwilligen.

Am 20. Januar schaut die Welt nach Andernach. Unter großem „Medienrummel“ besucht Bundeskanzler Adenauer die „Soldaten der neuen Streitkräfte“. Sie haben  noch keinen Namen. Die Entscheidung für die Bezeichnung Bundeswehr fiel am 22. Februar 1956 im Deutschen Bundestag. Inzwischen bemüht sich ein Freundeskreis die  Erinnerungen an die „Wiege der Bundeswehr“ in Andernach hochzuhalten.

Das Soldatengesetz 1956

Das  Inkrafttreten des Gesetzes über die Rechtstellung der Soldaten (SG) ist ein entscheidender Schritt zum Aufbau der Bundeswehr. Die Übernahme der fast 10.000 BGS-Angehörigen, darunter fast der gesamte Seegrenzschutz zum Aufbau der Marine, brachte den notwendigen Personalschub. Mit der Berufung von Franz-Josef Strauß zum Verteidigungsminister am 16. Oktober 1956 will der Bundeskanzler den Aufbau der Bundeswehr forcieren. Unbemerkt von der Öffentlichkeit wird am 14. Juli 1956 in Munster/Lager der Deutsche Bundeswehr Verband gegründet. Aufgrund der Koalitionsfreiheit, im GG verankert, entsteht ein Berufverband wie es ihn in der deutschen Militärgeschichte noch nicht gegeben hat.  Bis zum April 1957 ist die Bundeswehr in der Lage die ersten 10.000 Wehrpflichtigen ab Geburtsjahrgang 1. Juli 1937 zum Heer einzuberufen.

Geburtsstunde der Blauhelme

Am 26. Juli 1956 besetzen ägyptische Truppen die Verwaltungsbüros und alle technischen Einrichtungen der Betreibergesellschaft des Suezkanals. Die Jahreseinnahmen der Suez-Kanal-Gesellschaft betragen etwa 50 Millionen US-Dollar. Ägypten bekommt davon nur sieben Prozent. Diplomatische Verhandlungen zur Problemlösung bleiben ohne Erfolg. Briten und Franzosen bilden ein Integriertes Oberkommando. Auch Israel, das die militärische Aufrüstung Ägyptens durch die Sowjetunion als Bedrohung empfindet, ist zum Waffengang entschlossen. Israel greift am 29. Oktober an, britisch-französische Luftangriffe folgen, am 6./7. November werden die Kampfhandlungen eingestellt. Die Vereinten Nationen beschließen neutrale Truppen zwischen den kriegführenden Nationen zu stationieren und den auszuhandelnden Waffenstillstand zu überwachen. Das ist die Geburtsstunde der Blauhelmsoldaten. Mit dem missglückten Suezabenteuer sind Großbritanniens und Frankreichs imperiale Zeiten endgültig vorbei. Im Nahen Osten verstärken die USA und die Sowjetunion ihren Einfluss.

Integration und Multinationalität

Mit der Ernennung von General Hans Speidel zum Befehlshaber der Landstreitkräfte der NATO in Mitteleuropa im April 1957 wird die Gleichberechtigung der Bundeswehr in der Allianz gewürdigt. General Adolf Heusinger wird der erste Generalinspekteur. Im Dezember 1960 wird er zum Vorsitzenden des Ständigen Militärausschusses der NATO gewählt. Die Schaffung eines Generalstabs wie in der Armee des Kaiserreichs, der Reichswehr und der Wehrmacht, ist politisch nicht gewollt. Die Führungsorganisation in den Stäben wird amerikanischem Muster angepasst. Anfang 1958 werden drei Heeresdivisionen der NATO unterstellt. In den sechziger Jahren sind etwa 27.000 Belgier, 44.000 Franzosen, 70.000 Briten, 8.000 Kanadier, 8.000 Niederländer und 245.000 Amerikaner in der Bundesrepublik stationiert. In den NATO-Stäben ist die Bundeswehr anteilmäßig vertreten.

Die Entwicklung der Gesellschaft für Wehrkunde

Der 8. Präsident der GfW, Generalleutnant a.D. Hans Poeppel, schrieb 1987 rückblickend auf die Gründerjahre: „Die Arbeit in der GfW vollzog sich von Anbeginn an unabhängig, überparteilich und ehrenamtlich. Nach einem Jahr schon waren 70 Sektionen gegründet und ab 1954 erschien bereits die Fachzeitschrift „Wehrkunde“. Diesem imponierenden Wachstum entsprach eine bemerkenswerte geistige Arbeit: Ein Wissenschaftlicher Beirat mit 16 Arbeitsausschüssen erarbeitete Studien und Beiträge zur Konzeption und Ausrüstung  zukünftiger deutscher Streitkräfte von denen manche dem „Amt Blank“ zur Verfügung gestellt werden konnten.

Mit Beginn der Aufstellung der Bundeswehr Mitte der 50er Jahre traten viele Mitglieder der GfW in die Truppe ein. Damit verlagerte sich auch der Schwerpunkt in der GfW hin zur sicherheitspolitischen Öffentlichkeitsarbeit.“ Entwicklungsgeschichtlich ist damit begründet, dass sich die Entwicklung der GfW zu einem wirkungsvollen Instrument sicherheitspolitischer Öffentlichkeitsarbeit in partnerschaftlicher Nähe zur Bundeswehr vollzieht. Diese vertrauensvolle Zusammenarbeit von GfW und Bundeswehr in der sicherheitspolitischen Öffentlichkeitsarbeit zur Information und Bewusstseinsbildung von Bürgern und Öffentlichkeit hat bis heute Bestand.

(wird fortgesetzt)

Peter E. Uhde

 

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